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Social Freezing - Baby auf Eis gelegt

Schule trifft Wissenschaft

     

Unter diesem Leitspruch wurden die Biologie Leistungskurse des Kardinal-Frings-Gymnasium in Bonn von der Stiftung Wissen der Sparkasse KölnBonn eingeladen, das Thema "Social Freezing" mit den Wissenschaftlerinnen Frau Julia Warnstedt und Frau Dr. Wiebke Rathje vom IBU (Institut für Biologie und Umweltwissenschaften) der Universität Oldenburg zu bearbeiten.
Nach einer Einführung in die biologischen Grundlage der weiblichen Reprodukion sowie die Methode und Anwendung des Social Freezing am 17. Juni am Kardinal-Frings-Gymnasium, Bonn, kamen die SuS am 22. Juni zum zweiten Veranstaltungstag in das Odysseum, Köln.
Dort wurde die bioethische Kontroverse thematisiert. Mit Hilfe kooperativer Lernformen wurde der progressive Aufbau moralischer Bewertungskompetenz gefördert, sodass die SuS dazu befähigt wurden, eigenständig ihr folgenreflektiertes Urteil in dieser Debatte zu fällen.
Anschließend beteiligten sich die Schülerinnen und Schüler an der öffentlichen Podiumsdiskussion „Social Freezing – Baby auf Eis gelegt" im Odysseum Köln unter der Moderation von Martin Spiewak, einem Wissenschaftsjournalist der Wochenzeitung Die Zeit (Ressort Wissen) mit Expertinnen und Experten. Die Podiumsgäste waren:

  • Prof. Dr. med. Dr. theol. Matthias Beck, Moraltheologie, Universität Wien
  • Dr. phil. Franziska Krause, Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Freiburg
  • Prof. Dr. med. Frank Nawroth, Facharzt-Zentrum für Kinderwunsch, Hamburg
  • Prof. Dr. med. Inka Wiegratz, Kinderwunschpraxis am Goetheplatz, Frankfurt

Die Podiumsdiskussion diente zugleich als Auftaktveranstaltung eines Fachsymposiums zu diesem Thema. Neben den Möglichkeiten der modernen Fortpflanzungsmedizin ging es auch hier um die ethische Kontroverse. Das Symposium bot 15 Expertinnen und Experten Raum für interdisziplinären Diskurs und intensiven Austausch.

(verändert nach Autor: Markus Möhring, stellvertretender Schulleiter des Kardinal-Frings-Gymnasium, Bonn)


 Artikel im General Anzeiger vom 19.06.2016        Artikel in der Kirchenzeitung Köln vom 01.07.2016

 

Veranstalter: Stiftung Wissen der Sparkasse KölnBonn 


Verantwortung: Frau Dr. Julia Erber-Schropp

 

Organisation und Moderation des Fachsymposiums
 

StD. i.H. Monika Pohlmann, Leiterin der Fachdidaktik Biologie, Department Biologie, Universität zu Köln


Prof. Dr. Corinna Hößle, Didaktik der Biologie, Universität Oldenburg


Prof. Dr. Katrin van der Ven, Gynäkologische Enokrinologie und Reproduktionsmedizin, Universitätsklinikum Bonn

 

Podiumsdiskussion im Odysseum Köln

    

Interessanterweise wurde die Diskussion mit der Frage eingeleitet, wie viele Frauen sich überhaupt für die Methode des Social Freezing entscheiden und wer diese Frauen sind. Pro Jahr werden in der Fertilitätsklinik in Hamburg und in Frankfurt a.M. nur jeweils etwa 40 Frauen beraten, wobei sich nur etwa 50% dann tatsächlich Eizellen vorbeugend einfrieren lassen. Die meisten vermuten hinter den Beweggründen der Frauen ihre Karriereplanung, tatsächlich ist jedoch der Hauptgrund ein fehlender Partner.
Aufklärung und Beratung sind für die beiden Gynäkologen ein zentraler Punkt. Viele Frauen besuchen die Fertilitätszentren in der Regel erst in einem Alter von 38 Jahren, dabei wäre ein idealer Zeitpunkt für die Eizellentnahme mit circa 25 Jahren, um später ein ausgewogenes Verhältnis von Kosten und Nutzen zu erreichen. Die Chancen auf die Geburt eines Kindes liegt laut Fertiprotekt für eine Eizelle bei ungefähr 8% und sinkt mit zunehmendem Alter weiter ab.
Die Methode des Social Freezing gilt als bedenklich, da die verschiedenen Nährlösungen, in denen sich der künstlich erzeugte Embryo mehrere Tage aufhält, zu Veränderungen seines Stoffwechsels führen können. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft hoch. Daher wird fast immer zu einer Embryonenreduktion geraten, die quasi einen Fetozid darstellt. Frauen sollten daher bei Inanspruchnahme des Social Freezing wissen, dass immer eine In-Vitro-Fertilisation folgt, eine Mehrlingsschwangerschaft die Regel ist, die oft durch die gezielte Abtötung überzähliger Embryonen im Mutterleib reguliert werden muss. Damit ist mit dieser Methode oft eine bioethische, moralische Problematik verbunden.
Die SuS des KFGs wiesen in der anschließenden offenen Diskussion darauf hin, dass die Bereitschaft früh Kinder zu bekommen ein gesellschaftliches Problem darstelle. Viele junge Paare hätten finanzielle Sorgen und wagten oft nicht aus dem Optimierungswahn ihrer Generation auszubrechen.
„Es gibt keine 100%ige Sicherheit! Es gibt keinen optimalen Zeitpunkt, um schwanger zu werden! Und es gibt auch keinen optimalen Partner!“,stellte Frau Prof. Dr. med. Inka Wiegratz klar.

Daher stellte sich die Frage, warum z.B. in den USA Firmen wie Apple und Facebook so viel Werbung für Social Freezing machen. Geht es hier also um eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche, um die Ausbeutung der Arbeitskraft von Frauen zum Zwecke höherer Produktivität? Besteht nicht die Gefahr, dass mit dieser Methode Kinder nur noch dann geboren werden, wenn gerade „nichts Wichtigeres“ ansteht?
Obwohl allen die aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bekannt sind, die oft zur schlechten Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen, wurde vom Publikum nach „mehr Mut“ zum Kind gerufen: „Social Freezing löse nicht alle Probleme!"

(verändert nach Autor: Markus Möhring, stellvertretender Schulleiter des Kardinal-Frings-Gymnasium, Bonn)